Lasst euch von ihm berühren

DFB-Profi Nmecha tut es, eine Kugelstoß-Olympiasiegerin und mehrere Castingshow-Gewinner: im Fernsehen über Jesus reden. Was treibt diese Prominenten an, sich so medienwirksam zu ihrem Glauben zu bekennen?

Nach dem 7:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gab es einiges zu diskutieren. Die Qualität der Mannschaft, den Unterhaltungswert der Fernsehübertragung, und was hat der Video-Schiri da eigentlich für eine Geste gemacht? Doch noch ein anderer fiel mit Gesten auf: Felix Nmecha, der nach dem Spiel aus dem Mittelkreis einen Gebetskreis mit Gegnern und Mitspielern machte, und während seines Torjubels auf die Knie ging, um eine imaginäre Krone abzunehmen: Ja, vielleicht bin ich ein Fußballgott, aber ich nehme diese Krone ab, denn sie gehört eigentlich Jesus.

Auch der belgische Spieler Jeremy Doku wollte sich wohl nicht auf seine Torgefährlichkeit allein verlassen und zeigte vor dem Spiel gegen Ägypten die Kronen-Geste im Vorstellungsvideo seines Teams. Ähnliches dürfte bei der WM noch öfter zu sehen sein: In einem Podcast der „United Christian Broadcasters“ erklärt einer der Hosts, es handele sich um eine koordinierte Aktion unter christlichen Spielern aus aller Welt. Und: „Es geht nicht nur darum, zu sagen: Danke Gott. Sondern auch eine Botschaft zu transportieren.“ Die Botschaft: Jesus ist der König, und er kommt zurück auf diese Erde. Nmechas Jubel war also keine impulsive Entscheidung, sondern eine zuvor geplante Geste mit klarer Bedeutung.

Dass Stars – nicht nur Profisportler – ihren Glauben bezeugen, ist nicht neu. Schon vor Jahrzehnten waren da Kreuzkettchen, beschriftete Unterhemden, der Finger zum Himmel oder das Stoßgebet vor dem Elfer. Als Yemisi Mabry 2024 – damals noch Yemisi Ogunleye – Olympiasiegerin im Kugelstoßen wurde, stimmte sie auf der Pressekonferenz spontan ein Lobpreislied an. Aber auch die Siegerin von „Germany’s next Topmodel“ 2018, Oluwatoniloba „Toni“ Dreher-Adenuga, bekannte sich in der Castingshow mehrmals zu ihrem Glauben, ebenso wie der „The Voice of Germany“-Gewinner Samuel Rösch in demselben Jahr.

Da scheint ein Bedürfnis zu sein, den eigenen Glauben in die Öffentlichkeit zu tragen, und damit auch in die Medien. Und das, obwohl die Vorstellung, dass Gott einen Assist von Nmecha braucht, natürlich eigentlich nicht ins Bild eines Allmächtigen passt. Was für ein Glaubensverständnis steckt hinter all diesen Bekenntnissen?

Nmecha und die Glaubensfrage

Kaum jemand zweifelt an der Klasse von Felix Nmecha, dafür wird über seine Frömmigkeit debattiert: Ist er „ein sanfter Mensch“? Ein christlicher Missionar? Oder Projektionsfläche für einen Kulturkampf?

Er habe zeigen wollen, „dass Jesus verherrlicht wird durch das Spiel“, sagte Nmecha später in einem Interview. Das ist ein klassisch evangelikales Muster: Der Glaube gilt als höchstpersönliche Angelegenheit; die persönliche Beziehung zu Jesus steht im Mittelpunkt. Nicht nur ein grundsätzlicher Glaube an das, was in der Bibel zu lesen ist, sondern die Konsequenz daraus: Das ganze Leben wird darauf ausgerichtet, Gott zu dienen. Alles und jeder Lebensbereich wird vom Glauben an Jesus durchdrungen, auch der Job als Profisportler.

Evangelikale haben eine stark ausgeprägte Missionskultur

Selbstverständlich glauben nicht alle Profisportler und Promis gleich, nicht alle verstehen sich als Evangelikale. Diejenigen unter ihnen, die Freikirchen besuchen, können sich in ihren Überzeugungen von ultrakonservativ bis progressiv stark unterscheiden. Und doch weisen viele der öffentlichen Bekenntnisse auf evangelikale Denkmuster hin.

Der britische Historiker David Bebbington charakterisiert den evangelikalen Glauben über vier grundlegende Eigenschaften. Da ist zum einen die Bekehrung, also die eigene Entscheidung für den Glauben. Wenn Nmecha davon spricht, ein „wiedergeborener Christ“ zu sein, meint er genau das: Wirklich zu Gott kommt man erst, wenn man sich persönlich dafür entscheidet. Kindstaufe oder familiäre Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft reichen nach diesem Verständnis nicht aus.

Ein zweites Kriterium ist die hohe Autorität der Bibel. In Teilen der Bewegung wird sie wortwörtlich als unfehlbares Wort Gottes verstanden, in anderen eher im historischen Entstehungskontext ausgelegt. Unverändert bleibt aber ihre Wichtigkeit als Fundament des Glaubens, und die persönliche Auseinandersetzung mit den Texten ist wichtiger Bestandteil des Glaubensalltags. Ein großer Fokus liegt außerdem auf der Rolle Jesu Christi und dessen Kreuzestod im Besonderen.

Selig sind die Follower

Fit werden mit Gott, Ernährung planen mit Gott, Kinder erziehen mit Gott: Vorbei die Zeiten, in denen man Mitmenschen auf der Straße zu Gläubigen machen musste. Die Missionierung findet längst im Netz statt.

Und zuletzt ist da das starke Bedürfnis, den eigenen Glauben zu teilen. Dahinter stehe das Verständnis, dass es „am Leib Christi keine passiven Glieder“ gebe, schreibt der Theologe Thorsten Dietz in seinem Buch „Menschen mit Mission“. Evangelikale haben eine stark ausgeprägte Missionskultur, sowohl in Ländern, in denen das Christentum nicht sonderlich verbreitet ist, als auch in vermeintlich stark christianisierten Ländern. Denn, das geht aus den eigenen Überzeugungen ja hervor: Nur weil jemand sich christlich nennt, heißt das in den Augen von Evangelikalen eben noch nicht, dass er den Glauben wirklich richtig verstanden hat, eben bewusst „wiedergeboren“ ist.

Durch Social Media ist das Sendungsbewusstsein größer geworden

Als Konsequenz scheint es fast alternativlos: Wer so glaubt und gleichzeitig erfolgreich und berühmt wird und deshalb im Fernsehen vor Millionenpublikum landet, will diese Bühne auch für Gott nutzen. Denn jeder Erfolg gehört eben immer auch ihm. Für sich selbst zu arbeiten, nach Reichtum und Erfolg zu streben – erst recht in einem „weltlichen“ und korrupten System wie dem Profifußball oder einer oberflächlichen Show wie „Germany’s Next Topmodel“ –, das widerstrebt diesem Verständnis eigentlich. Es kann nur funktionieren, wenn damit gleichzeitig auch Gott verherrlicht wird.

Durch Social Media haben sich die Sendungsmöglichkeiten dieser Stars erweitert. Die Bühne für Gott ist nicht mehr nur das Stadion, vielleicht noch der Fernseher und die Tageszeitung am nächsten Morgen, sondern eine Medienöffentlichkeit, in der sich Clips wie die von Nmecha verselbständigen. Viralität ist im Grunde das beste, was einem Botschafter des Glaubens passieren kann, es ist die maximale Reichweite. Und, so die Überzeugung, maximale Chance für Gott, die Menschen zu berühren, die diesen Moment auf ihrem Handybildschirm miterleben. Es scheint also nur logisch, dass auch online sich nun Missionsnetzwerke bilden: Der Instagram-Account der Vereinigung „Ballers in God“ macht allein aus Nmechas Gesten sieben Beiträge, die je hunderttausendfach angeschaut wurden.

International fallen die Reaktionen auf solche Aktionen im Übrigen vornehmlich positiv aus – schön, dass am Mittelkreis gebetet wird und sich die Teams nicht gegenseitig anpöbeln! Harald Martenstein attestiert Nmecha in der Bild gar: „Deutsche wie Sie, mit afrikanischen Wurzeln, bringen etwas Verlorenes zurück nach Deutschland, das ganz selbstverständliche Christentum unserer Eltern und Großeltern.“ Das ist selbstverständlich verallgemeinernd, rassistisch, und in sich zutiefst unlogisch. Und doch: Das Fremdeln mit solchen öffentlichen Bekenntnissen scheint etwas sehr Deutsches zu sein. Aus Sicht der göttlichen Aufmerksamkeitsökonomie ist aber auch das ein Hauptgewinn.

Von Marie Gundlach

Aus der Süddeutschen Zeitung vom 19.6.2026

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