„Du bist nicht allein“ Was hilft gegen Einsamkeit?

Einsamkeit prägt unsere Gesellschaft immer stärker. Doch neu ist das Problem nicht. Auch die Bibel berichtet erstaunlich offen über Einsamkeitserfahrungen – und das beste Rezept dagegen. Ein biblischer Impuls von Prof. Stephan Holthaus

Bei den modernen Trends der Zeit steht die Einsamkeit ganz oben auf der Agenda. Dabei geht es nicht um das stille Wochenende im Kloster oder die persönliche Auszeit im hektischen Alltag. Das alles haben wir nötig. Einsamkeit ist etwas anderes, geht tiefer. Sie ist das bittere Gefühl, unverstanden zu sein, isoliert. Man hat niemanden, mit dem man die tiefsten Dinge des Lebens teilen kann. Es fehlen echte Nähe und Vertrautheit, Zugehörigkeit und tiefe Bindung. Einsamkeit ist eine Krankheit mit vielen Nebenwirkungen, körperlich und seelisch.

Wenn keiner da ist

Einsamkeit hängt mit dem zunehmenden Alleinsein zusammen. In Deutschland leben derzeit fast 17 Millionen Menschen allein, Tendenz steigend. Es sind Singles, Geschiedene, Verwitwete. Man kommt nach Hause, und keiner ist da. Besonders in den Großstädten ist das Problem mit Händen zu greifen. Einsamkeit ist aber nicht nur der Schmerz der Alleinstehenden. Untersuchungen zeigen verblüffend: Auch Leute, die gar nicht allein leben, werden immer einsamer. Viele von ihnen erleben soziale Isolierung, fühlen sich von anderen ausgegrenzt. Es gibt viele Gründe, warum Menschen heute einsam sind. Manchmal ist es der Verlust des Partners. Die zunehmende Mobilität erschwert langfristige Freundschaften. Manche arbeiten zu viel, haben keine Zeit für Beziehungen. Andere werden isoliert, weil sie einfach anders sind als die Mehrheit. Der soziale Status kann Einsamkeit verstärken: Arme Menschen werden schnell ausgegrenzt, aber auch Reiche werden mitunter gemieden. Unter Führungspersönlichkeiten soll es die meisten einsamen Menschen geben. Wieder andere sind generell unfähig, tiefe Bindungen einzugehen, eine Entwicklung, die Experten seit Jahren große Sorgen macht. Außerdem polarisiert sich unsere Welt zunehmend. Wir driften auseinander. Die gemeinsame Mitte ging verloren. Man versteht sich nicht mehr.

Einsamkeit in der Bibel

Einsamkeit gab es schon immer, ist so alt wie die Menschheit. Sie ist überhaupt das erste Menschheitsproblem. Schon Adam war einsam. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2,18) – das einzige Nichtgute in der sehr guten Schöpfung. Gott selbst löst das Problem, indem er Adam ein echtes Gegenüber schafft. Das zeigt: Der Mensch ist von Gott als Beziehungsund Gemeinschaftswesen gedacht, nicht als einsamer Eremit. Er braucht ein Gegenüber, ein „Du“. Das Berührende an dieser Geschichte ist übrigens, dass Gott die Einsamkeit des Menschen erkennt. Adam ruft nicht verzweifelt: „Ich bin einsam!“ Nein! Gott merkt es. Er ist ein empfindsamer Gott. Er weiß, wie es Adam geht, was ihm fehlt, was Einsamkeit bedeutet. Nach Adam geht es gleich weiter mit der Einsamkeit. Kain war sozial isoliert und bedroht, Einsamkeit prägt unsere Gesellschaft immer stärker. Doch neu ist das Problem nicht. Auch die Bibel berichtet erstaunlich offen über Einsamkeitserfahrungen – und das beste Rezept dagegen. weil er große Schuld auf sich geladen hatte (1. Mose 4,14). Noah wurde umgekehrt ausgegrenzt, weil er ein Guter war, ein Gerechter (1. Mose 6,9). Mose, der große Leiter, fühlte sich mehrfach unverstanden vom Volk Israel. Das zeigt: Leitungspersonen können sehr einsam sein. Elia, der verfolgte Prophet, dachte, dass er „der letzte Mohikaner“ sei, lag einsam und ängstlich unter einem Ginsterstrauch (1. Könige 19,4), ebenso wie der missmutige Jona unter einem Rizinus (Jona 4,6). Paulus resümierte am Ende seines Lebens traurig: „Alle verließen mich“ (2. Timotheus 4,16). Die Reihe der einsamen Menschen in der Bibel ließe sich noch weiter verlängern.

Jesus Christus – der Einsamste aller Einsamen Der Einsamste der Einsamen aber war Christus. Er wurde nicht nur von den religiösen Führern seiner Zeit ausgegrenzt. Viel schlimmer: Einige seiner Jünger verließen ihn, als er sich als Messias outete (Johannes 6,66). Sogar die zwölf Apostel nahmen Reißaus bei seiner Verhaftung (Markus 14,50). Noch einsamer war er am Kreuz. Als er dort hing, schrie er: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34).

Wenn einer wirklich von Gott und den Menschen verlassen war, dann Jesus, der Christus. Es gibt viele Einsame in der Bibel. Aber das ist nicht die Botschaft der Schrift. Im Gegenteil. Die hoffnungsvolle Nachricht lautet: Gott ist ein Gott der Einsamen. Er sieht Adam, Kain, Elia und Jona. Gott kommt zu ihnen, er spricht mit ihnen, ist ihnen spürbar nahe. Er tröstet, ermutigt und führt die Einsamen in die Gemeinschaft zurück. Er heilt die einsamen Seelen. Eine unter vielen Heilungsgeschichten ist die vom Gelähmten in Johannes 5. Der lag am Teich Bethesda, und das seit sage und schreibe 38 Jahren. Nach jüdischer Überlieferung bewegte ab und an ein Engel das Wasser. Wer dann zuerst im Wasser war, wurde geheilt. Hunderte lagen an diesem Teich, hofften auf Heilung. Der Gelähmte hatte nie eine Chance. Immer waren andere vor ihm im Wasser. 38 Jahre lang.

„Was kann ich für dich tun?“

Und dann kommt Jesus vorbei. Der Gelähmte lag am Rand, unbeachtet. Jesus sieht ihn. Er schiebt die Leute beiseite, geht auf ihn zu. Das ist schon das erste Wunder. Jesus nimmt Notiz von dem Isolierten. Er spricht ihn an: „Was kann ich für dich tun?“ Endlich redet mal wieder jemand mit ihm, beachtet ihn, nimmt ihn ernst. Und dann schreit der Gelähmte seine Verzweiflung heraus: „Herr, ich habe keinen Menschen“ (Johannes 5,7). 38 Jahre Isolation, Distanz, Ohnmacht, Alleinsein. Da war keiner mehr. Er war mutterseelenallein. Ausgegrenzt, unverstanden, hoffnungslos.

Und was macht Jesus? Er heilt ihn, innerlich und äußerlich. Der Gelähmte kann plötzlich wieder laufen. Seine Beine tragen ihn. Aber mehr noch: Jesus heilt ihn auch innerlich. Denn kurze Zeit später kommt der Gelähmte noch mal bei Johannes vor, im Tempel (Johannes 5,14-15). Dort erzählte er jedem, der es wissen wollte oder nicht, wer das war, der ihn geheilt hatte. Jesus. Er war wieder bei den Menschen angekommen. Er hatte die Einsamkeit überwunden, hatte wieder Anschluss bekommen, lebte auf.

Was hilft

Ich bin überzeugt: Der christliche Glaube ist das beste Rezept gegen Einsamkeit, weil er von einem Gott spricht, der den Einsamen versteht und ihm nahe ist. Gott vergisst mich nicht, auch wenn alle mich vergesDie hoffnungsvolle Nachricht lautet: Gott ist ein Gott der Einsamen. Wenn alle gehen, er bleibt. Er trägt, hält und heilt; er, der selbst in Christus so unendlich einsam war. Er hört mein Rufen und Schreien, kennt meine einsame Seele.

Aber genauso wichtig: Die Kirche Jesu ist der (hoffentlich) beste Platz für die Einsamen. Denn sie lebt von etwas, das den Menschen heute fehlt: Sie lebt von echter, tiefer, ehrlicher Gemeinschaft. Diese „Koinonia“ machte die ersten Gemeinden so anziehend. Die Gemeinde fragt nicht nach Leistung, Aussehen, Erfolg. Hier ist jeder willkommen, erfährt jeder Wertschätzung, Interesse, Angenommensein. Gemeinde als „Gegenmittel“ Gemeinde Jesu hat deshalb gerade heute den Auftrag, wie Jesus die Einsamen zu entdecken, zu finden, sie anzusprechen, liebevoll aufzunehmen, behutsam, nicht drängend, so wie Jesus es tat. Ein praktischer Tipp für alle „alten Hasen“ unter uns Christen: Einfach nach dem Gottesdienst mal mit offenen Augen auf Gäste zugehen! Oder in der Nachbarschaft an die Türen klopfen, hinter denen die Einsamen sitzen, die man so lange nicht gesehen hat. Denn Menschen sehnen sich nach Annahme, Liebe, Sicherheit, Geborgenheit und Heil. Das ist das beste Rezept gegen die grassierende Einsamkeit. Die Gemeinde Jesu – ein Ort, wo man andocken kann, sich zu Hause fühlt, verstanden wird. Wie schön wäre es, wenn wir als Kirchen uns selbst wieder als Anti-Einsamkeitsorte verstehen würden.

Ein Auftrag für unsere Zeit Heute ist der Wunsch riesengroß, einen richtigen Freund zu haben, tragfähige Bindungen aufzubauen, Räume der Sicherheit und des Vertrauens zu finden. Gerade jetzt gilt es, für die Einsamen da zu sein, Menschen das Gefühl zu geben: „Du bist niemals allein. Wir stehen zusammen.“ Gerade Kirchen haben jetzt die so unglaublich wichtige Aufgabe, Einsamen neue Hoffnung zu geben, ihnen zu sagen: „Willkommen zu Hause, willkommen in unserer Gemeinschaft, willkommen bei Gott.“ Das kann unsere Welt heilen, gerade jetzt.

Stephan Holthaus ist Rektor der Freien Theologischen Hochschule (FTH) Gießen sowie Professor für Christliche Ethik und Apologetik mit Schwerpunkt Wirtschaftsethik. Holthaus ist Autor zahlreicher Bücher und Mitglied einer Baptistengemeinde.

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