Ein fiktives Gespräch über die Mitgefühl gegenüber Tieren mit dem verstorbenen Autor von „Weltethos“ Hans Küng
Zimmermann:
Herr Küng, ich habe in den letzten Tagen die Geschichte von dem gestrandeten Wal in der Ostsee verfolgt. Ich muss gestehen: Sie hat mich mehr beschäftigt, als ich erwartet hätte. Einerseits denke ich: Es ist „nur“ ein Tier. Andererseits habe ich die Bilder gesehen, die Hilfsversuche, das hilflose Atmen, diese gewaltige Kreatur im flachen Wasser – und ich war berührt. Vielleicht sogar traurig. Aber dann frage ich mich: Ist das angemessen? Wie viel Mitgefühl verdienen Tiere?
Hans Küng:
Ihre Frage ist sehr ernst zu nehmen. Sie berührt nicht nur die Tierethik, sondern auch das Selbstverständnis des Menschen. Mitgefühl ist kein Luxusgefühl, das wir nach Belieben verteilen. Es gehört zu dem, was den Menschen menschlich macht. Wenn Sie beim Anblick eines leidenden Tieres bewegt sind, dann ist das zunächst kein Irrtum, sondern ein Zeichen moralischer Wahrnehmung.
Zimmermann:
Aber gibt es nicht einen Unterschied zwischen Mensch und Tier? Ich meine: Wenn ein Mensch leidet, ist das doch etwas anderes. Menschen haben eine Biografie, Sprache, Bewusstsein, Verantwortung. Ein Wal leidet vielleicht körperlich, aber weiß er, was mit ihm geschieht?
Hans Küng:
Gewiss gibt es Unterschiede. Der Mensch ist in besonderer Weise zur Selbstreflexion fähig. Er kann nach Sinn fragen, nach Schuld, nach Zukunft, nach Gott. Er kann Verantwortung übernehmen. Aber aus dieser Sonderstellung folgt nicht das Recht zur Gefühllosigkeit. Im Gegenteil: Je mehr Verantwortung der Mensch hat, desto mehr ist er verpflichtet, das Schwächere zu achten.
Zimmermann:
Das klingt plausibel. Aber ich habe Schwierigkeiten mit der Grenze. Wenn ich um einen gestrandeten Wal trauere, müsste ich dann nicht auch um jedes überfahrene Reh, jede geschlachtete Kuh, jede zerquetschte Mücke trauern? Das wäre doch kaum auszuhalten.
Hans Küng:
Sie sprechen ein reales Problem an. Moralisches Mitgefühl braucht Maß und Ordnung, sonst wird es entweder sentimental oder lähmend. Nicht jedes Leben begegnet uns in gleicher Nähe. Nicht jede Situation fordert die gleiche Handlung. Aber die Tatsache, dass wir nicht alles Leid verhindern können, entbindet uns nicht von der Pflicht, dort verantwortlich zu handeln, wo Leid uns konkret begegnet.
Zimmermann:
Also ist Mitgefühl auch eine Frage der Nähe?
Hans Küng:
Ja, aber nicht nur. Nähe weckt Mitgefühl. Verantwortung ordnet es. Wenn ein Wal strandet und Menschen können helfen, dann entsteht eine konkrete Verantwortung. Nicht weil der Wal ein Mensch wäre, sondern weil er ein leidensfähiges Geschöpf ist und wir die Möglichkeit haben, sein Leiden zu mindern. Das ist entscheidend.
Zimmermann:
Als Zimmermann denke ich oft ganz praktisch: Hält ein Balken? Trägt ein Dachstuhl? Ist das Holz gesund oder angegriffen? Es geht um Tragfähigkeit, Maß und Verlässlichkeit. Bei Tieren wird es unübersichtlich. Haben Tiere einen eigenen Wert – oder nur einen Wert für uns?
Hans Küng:
Aus theologischer Sicht wäre es zu wenig, Tiere nur nach ihrem Nutzen für den Menschen zu bewerten. Die Welt ist nicht bloß Rohstofflager. In der biblischen Schöpfungstradition wird die Natur als Gottes gute Schöpfung verstanden. Der Mensch erhält eine besondere Stellung, aber keine absolute Herrschaft im Sinne willkürlicher Verfügung. Er ist nicht Tyrann der Schöpfung, sondern Treuhänder.
Zimmermann:
Treuhänder – das gefällt mir. Das klingt nach Verantwortung ohne Größenwahn.
Hans Küng:
Genau. Der Mensch hat Macht. Darum braucht er Ethik. Je größer seine technischen Möglichkeiten werden, desto dringlicher wird die Frage: Wozu gebrauchen wir unsere Macht? Retten wir, zerstören wir, beuten wir aus, schützen wir? Ein gestrandeter Wal kann auf einmal zum Prüfstein werden: Sehen wir in ihm nur ein biologisches Ereignis – oder ein leidendes Mitgeschöpf?
Zimmermann:
Aber kann man einem Tier Würde zusprechen? Die Menschenwürde ist doch etwas Besonderes.
Hans Küng:
Die Menschenwürde bleibt etwas Besonderes. Ich würde davor warnen, sie ungenau auszuweiten, bis sie ihren klaren Gehalt verliert. Der Mensch hat Würde als Person: als verantwortliches, freies, zur Wahrheit und zum Guten berufenes Wesen. Aber man kann zugleich sagen: Auch Tiere haben einen Eigenwert. Sie sind nicht einfach Sachen. Ihr Leben, ihr Schmerz, ihre natürlichen Bedürfnisse verdienen Achtung.
Zimmermann:
Dann wäre der Unterschied: Menschen haben Würde als Personen, Tiere haben Eigenwert als leidensfähige Geschöpfe?
Hans Küng:
Das ist eine gute Formulierung. Und daraus folgt: Menschen verdienen Mitgefühl in einer besonderen Weise, weil sie nicht nur Schmerz empfinden, sondern ihr Leiden auch deuten, erinnern, fürchten, beklagen können. Ein Mensch leidet oft an seinem Leiden. Er fragt: Warum ich? Warum jetzt? Warum Gott? Ein Tier leidet anders. Aber dieses Anderssein macht sein Leiden nicht bedeutungslos.
Zimmermann:
Manche sagen: Wir vermenschlichen Tiere zu sehr. Wir projizieren unsere Gefühle auf sie.
Hans Küng:
Diese Gefahr gibt es. Wer einem Wal menschliche Gedanken zuschreibt, die er vermutlich nicht hat, romantisiert. Aber die Gegenbewegung ist ebenso gefährlich: Wer Tiere nur als Mechanismen betrachtet, verroht. Eine vernünftige Ethik vermeidet beides. Sie sagt nicht: Das Tier ist wie ein Mensch. Sie sagt auch nicht: Das Tier ist wie ein Stein. Es ist ein lebendiges, empfindungsfähiges Wesen.
Zimmermann:
Ich merke, dass mich die Bilder des Wales deshalb bewegt haben, weil er so groß und zugleich so hilflos war. Normalerweise denkt man bei einem Wal an Kraft, Tiefe, Freiheit. Und dann liegt er plötzlich fest, abhängig von Menschen, die Eimer, Netze, Boote und nasse Decken benutzen.
Hans Küng:
Gerade darin liegt eine tiefe Symbolik. Das Mächtige wird verletzlich. Das Fremde wird nah. Das Tier, das sonst im Meer verborgen bleibt, gerät in unseren Blick. Und plötzlich müssen wir entscheiden, ob wir Zuschauer bleiben oder Helfende werden. Solche Augenblicke schärfen unser Gewissen.
Zimmermann:
Ist Mitgefühl also eine Schule der Menschlichkeit?
Hans Küng:
Ja. Mitgefühl ist eine Grundform humaner Ethik. In meinem Denken war mir immer wichtig: Kein Weltfriede ohne Religionsfriede, kein Religionsfriede ohne Dialog, und kein menschliches Zusammenleben ohne gemeinsame ethische Grundüberzeugungen. Eine dieser Grundüberzeugungen lautet: Leid soll nicht gleichgültig hingenommen werden. Das gilt zuerst und unbedingt unter Menschen. Aber es endet nicht einfach an der Grenze der Spezies.
Zimmermann:
Trotzdem würde ich sagen: Wenn gleichzeitig ein Mensch und ein Tier in Gefahr sind, rette ich zuerst den Menschen.
Hans Küng:
Das ist moralisch nachvollziehbar. Die besondere Verantwortung gegenüber dem Menschen bleibt. Christlich gesprochen: Der Mensch ist Ebenbild Gottes. Aber das Ebenbild Gottes zeigt sich nicht dadurch, dass der Mensch andere Geschöpfe verachtet. Es zeigt sich gerade darin, dass er schützt, pflegt, bewahrt und barmherzig handelt.
Zimmermann:
Das verändert die Perspektive. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist dann nicht: Der Mensch zählt, das Tier zählt nicht. Sondern: Der Mensch trägt besondere Verantwortung, weil er mehr erkennen und entscheiden kann.
Hans Küng:
Sehr richtig. Die Sonderstellung des Menschen ist kein Freibrief, sondern ein Auftrag. Als Zimmermann wissen Sie: Ein tragender Balken darf sich seiner Last nicht entziehen. Gerade weil er trägt, ist er entscheidend für das Ganze. Übertragen auf die Ethik: Wer Verantwortung erkennen kann, muss Verantwortung übernehmen.
Zimmermann:
Das ist ein starkes Bild. Tragfähigkeit verpflichtet. Dann wäre Mitgefühl nicht Schwäche, sondern eine Form moralischer Tragfähigkeit.
Hans Küng:
So kann man es sagen. Mitgefühl ist nicht bloß Rührung. Es wird ernst, wenn es zur Verantwortung führt. Manchmal heißt das: helfen. Manchmal heißt es: Leiden mindern. Manchmal heißt es auch: Grenzen anerkennen, wenn Rettung nicht möglich ist, aber dennoch respektvoll begleiten.
Zimmermann:
Und was mache ich mit der Traurigkeit, wenn der Wal trotz aller Hilfe stirbt?
Hans Küng:
Sie müssen diese Traurigkeit nicht verachten. Sie zeigt, dass Ihnen Leben nicht gleichgültig ist. Aber sie soll Sie nicht zerstören. Sie kann Dankbarkeit wecken: für die Schönheit der Schöpfung, für die Menschen, die helfen, für die Fähigkeit, berührt zu werden. Und sie kann Ihre Haltung verändern: weniger achtlos, weniger herrisch, aufmerksamer gegenüber dem Leben.
Zimmermann:
Dann ist die Frage nicht nur, wie viel Mitgefühl Tiere verdienen. Die Frage ist auch, was mit mir geschieht, wenn ich ihnen jedes Mitgefühl verweigere.
Hans Küng:
Ganz genau. Wer Mitgefühl systematisch abschneidet, verliert nicht nur etwas im Verhältnis zum Tier. Er verliert etwas in sich selbst. Die Menschlichkeit des Menschen bewährt sich nicht nur im Umgang mit seinesgleichen, sondern auch im Umgang mit dem Wehrlosen, dem Stummen, dem Ausgelieferten.
Zimmermann:
Ich glaube, ich verstehe. Tiere sind nicht Menschen. Aber sie sind auch nicht nichts. Ihr Leiden verpflichtet uns, soweit wir es erkennen und beeinflussen können. Und der Mensch bleibt besonders, nicht weil er über allem steht, sondern weil er Verantwortung tragen kann.
Hans Küng:
Das ist eine reife Zusammenfassung. Vielleicht kann man es so sagen: Dem Menschen kommt eine unvergleichliche Würde zu. Dem Tier kommt ein wirklicher Eigenwert zu. Das Mitgefühl mit dem Menschen hat Vorrang, aber das Mitgefühl mit dem Tier hat Wahrheit. Beides gegeneinander auszuspielen, wäre ein Fehler.
Zimmermann:
Dann darf mich der gestrandete Wal also traurig machen?
Hans Küng:
Ja. Und mehr noch: Er darf Sie menschlicher machen.
Zimmermann:
Danke, Herr Küng. Ich glaube, ich werde die Bilder jetzt anders ansehen. Nicht sentimental, aber auch nicht kühl. Vielleicht mit einer Art nüchterner Barmherzigkeit.
Hans Küng:
Das wäre ein gutes Wort: nüchterne Barmherzigkeit. Sie sieht klar, unterscheidet sorgfältig und handelt, wo sie kann. Eine solche Barmherzigkeit braucht unsere Welt – gegenüber Menschen zuerst, aber nicht gegenüber Menschen allein.
Kurzbiografie Hans Küng
Hans Küng wurde am 19. März 1928 in Sursee in der Schweiz geboren und starb am 6. April 2021 in Tübingen. Er war einer der bekanntesten katholischen Theologen der Gegenwart. Als Professor in Tübingen setzte er sich für Reformen, Ökumene und den Dialog der Religionen ein.
Beim Zweiten Vatikanischen Konzil wirkte er als theologischer Berater mit. Wegen seiner Kritik am päpstlichen Unfehlbarkeitsdogma entzog ihm Rom 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis. Wissenschaftlich blieb Küng dennoch einflussreich. Besonders bekannt wurde sein „Projekt Weltethos“, das gemeinsame ethische Grundlagen von Religionen und Kulturen suchte.




