Ein Gebet im Angesicht des Schweigens
Was machst du wohl mit unseren Gebeten, Gott, du meine Gottheit,
wenn du hörst und mitfühlst und schweigst?
Wenn du dir alles das zu Herzen nimmst,
die Angst und die Ohnmacht, die Not und den Zorn deiner vielen Kinder,
alle die vielen Toten in unseren Nachrichten,
und die Gewalttäter, die niemand zur Rechenschaft zieht.
Wenn du dir alles das zu Herzen nimmst,
wie bist du dann Gott für uns?
Sind wir dir nicht gar zu klein im riesigen All,
wir mit unserem kurzen Leben?
Liegt in deinem Schweigen ein Trost,
und kannst du uns eine Hoffnung sein?
Oder sind wir doch allein hier auf unserer Erde,
die uns vergessen wird, wenn unser Leben vergeht?
Ich weiß keine Antwort
und doch bete ich noch zu dir,
reihe mich ein in den Hunger nach Gerechtigkeit
und ahne um mich herum die anderen,
die beten, damit du hörst und siehst,
die beten, während du schweigst.
Wir beten, weil wir es nicht lassen können,
wir beten, weil da dein Wort ist,
ein Wort von Leben und Gerechtigkeit,
ein Wort, zu uns gekommen durch das Auf und Ab unserer kurzen Geschichte.
Wenn du Gott bist für uns,
dann wohl nicht in Feuer und Sturm,
sondern vielleicht im Funken des Gedenkens
und in der trotzigen Hoffnung trotz allem,
in der Hoffnung darauf, dass die Gewalt nicht das letzte Wort haben wird,
weil das letzte Wort deines sein wird.
Du aber schweigst, du Heilige,
Du schweigst, du Undurchdringliche.
In deinem Schweigen erinnere dich, Gott, und bewahre deine vielen Kinder,
wenn schon nicht vor der Gewalt, dann doch vor dem Vergessen.
Erinnere dich, Ewige, erinnere dich
und gib uns Frieden.
Amen
ANNETTE JANTZEN, Dr. theol., arbeitet als freie Autorin und betreibt den Blog www.gotteswort-weiblich.det
Aus Christ in der Gegenwart 5/2026




