Der Tod des Zugbegleiters Serkan C. wirft eine Frage auf: Wo war die Zivilcourage?
Am Montag, dem 2. Februar, wurde der Kontrolleur Serkan C. in einem Regionalexpress in Rheinland-Pfalz von einem Fahrgast ohne Fahrschein totgeprügelt. Serkan C. war alleinerziehender Vater zweier Kinder. Ein Mensch, der einfach seine Arbeit tat, wurde Opfer sinnloser Gewalt. Kontrolleure gehören – meiner Meinung nach – zu den gefährdetsten Berufsgruppen im öffentlichen Raum. Doch was mich besonders umtreibt: Wo war die Zivilcourage?
Gewaltbereitschaft ist gestiegen
Ich reise selbst häufig mit der Bahn und begegne dabei vielerorts engagierten Mitarbeitern, die ihren Dienst freundlich und professionell leisten. Während meines Studiums pendelte ich jahrelang zwischen dem Odenwald und Frankfurt am Main. Bahnfahren war dabei für mich etwas Positives: Zeit zum Lesen, Nachdenken, aus dem Fenster schauen. In all den Jahren fühlte ich mich sicher. Dieses Empfinden fehlt mir seit ein paar Monaten jedoch. Weil mein Auto immer wieder in der Werkstatt war, nutze ich seit einiger Zeit erneut öfter den Zug. Dabei erlebe ich häufiger Situationen, in denen Kontrolleure angefeindet werden. Die Gewaltbereitschaft unter Fahrgästen ist gestiegen.
Drohungen und Beschimpfungen
Neulich bat ein Zugbegleiter eine junge Frau, die kein Ticket hatte, an der nächsten Station auszusteigen. Sie rief daraufhin ihren Freund an, der über den Handylautsprecher den Kontrolleur beschimpfte und ihn bedrohte. Der Bahnmitarbeiter blieb ruhig, sachlich und professionell. Er ließ sich nicht provozieren, tat einfach seine Arbeit. Trotz fehlenden Tickets sah sich die Frau keineswegs im Unrecht, hatte keinerlei Schuldbewusstsein. Vergangenen Sonntag erlebte ich eine weitere Szene. Einige Reihen weiter saß eine junge Frau. Sie stand auf, ging zur Toilette und blieb auf dem Rückweg plötzlich stehen. Laut schreiend erklärte sie auf Englisch, sie fühle sich unsicher, weil ein Polizist mit einer Waffe im Zug sitze. Der junge Polizist versuchte sie freundlich zu beruhigen. Vergebens: Die Frau steigerte sich weiter hinein. Schließlich stand ein anderer Fahrgast auf und forderte sie auf, leiser zu sein. Die Frau beschimpfte ihn. Auch ich nahm meinen Mut zusammen und bat sie, ruhig zu sein. Nachdem auch ich beschimpft worden war, setzte sie sich schließlich hin und schwieg. Was mich dabei am meisten erschütterte, war nicht die Frau – sondern die Reaktion der anderen. Oder besser: ihre fehlende Reaktion. Die Fahrgäste starrten auf ihre Handys, als bekämen sie nichts mit. Sie waren da – und doch nicht da.
Hinschauen statt Schweigen
Aber ist es nicht gerade in solchen Situationen wichtig, dass wir gemeinsam als Gesellschaft den Mund aufmachen? Wohlgemerkt: Zivilcourage heißt nicht, dass wir uns selbst in Gefahr bringen. Doch gemeinsam können wir viel bewirken. Wir können in brenzligen Situationen zum Beispiel das Bahnpersonal oder die Polizei rufen. Als Christen haben wir den Auftrag hinzuschauen. Ich denke da an das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lukas 10,25–36), der die Not des Verletzten nicht ignorierte, sondern handelte. Auch wenn es für ihn unbequem war. Ignorieren wäre einfacher gewesen. Aber Schweigen darf nicht unsere Standardreaktion sein.
Ein Kommentar von IDEA-Redakteurin Erika Weiss
Aus: IDEA DAS CHRISTLICHE SPEKTRUM 7.2026




