Über den Umgang mit einer beliebten Todsünde
Mehr Faulheit möchte man den Deutschen wünschen. Das klingt zunächst gewagt – vielleicht sogar unverantwortlich. Schließlich gehört Fleiß angeblich zu unseren großen nationalen Tugenden. Wir arbeiten, planen, organisieren, optimieren. Wir beantworten E-Mails beim Frühstück, hören Podcasts beim Joggen und überlegen beim Einschlafen schon, was wir morgen alles schaffen müssen.
Beschäftigt zu sein, gilt als Ausweis eines gelungenen Lebens. Wer keine Zeit hat, muss wichtig sein. Wer viel herumwirbelt, sieht wenigstens so aus, als habe er alles im Griff.
Nur: Herumwirbeln schenkt noch lange keine Erfüllung.
Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass all unsere Aktivität auch eine Ersatzbefriedigung sein könnte. Solange wir beschäftigt sind, müssen wir nicht fragen, ob das, was wir tun, überhaupt sinnvoll ist. Hauptsache Bewegung! Auch ein Hamster im Laufrad kann schließlich beachtliche Geschwindigkeiten erreichen. Nur kommt er nirgendwo an.
Aber ist Faulheit nicht eine der klassischen Sünden? Stiftet uns die Bibel also doch zur Daueraktivität an?
Keineswegs. Gott selbst ruht am siebten Tag. Jesus zieht sich zurück, schläft sogar während eines Sturms und sagt zu seinen Jüngern: „Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig.“ Ruhe ist biblisch nicht verdächtig. Sie ist von Gott gewollt.
Die Bibel kritisiert etwas anderes: dass notwendige Aufgaben liegen bleiben. Dass Menschen ihre Begabungen ungenutzt lassen. Dass sie sich mit Ausreden vor Entscheidungen schützen. Biblische Faulheit ist nicht das entspannte Sitzen auf einer Bank. Sie ist die Weigerung, das zu tun, was einem aufgetragen ist.
Unsere Gaben, so die unbequeme Botschaft, sind nämlich mit Aufgaben verbunden.
Das passt uns nicht immer. Wir sehen unsere Begabungen durchaus. Wir präsentieren sie sogar gerne. „Schau mal, was ich kann!“ Aber die Frage, wem diese Fähigkeit dienen könnte, überhören wir lieber.
Da hat sich einer einen stattlichen Körper antrainiert. Beeindruckende Oberarme, ein eisenharter Sixpack.
„Und wozu das Ganze?“
„Na, weil es Spaß macht. Weil es gut aussieht. Weil andere beeindruckt sind.“
„Und sonst?“
„Wie: sonst?“
Vielleicht ist nicht jedes Training gleich ein Dienst am Reich Gottes. Vielleicht kann man erstaunlich viel Zeit und Energie investieren – und trotzdem faul sein. Faul nämlich gegenüber der Frage: Gott, wozu hast du mir meine Kräfte gegeben?
Gerade darin sind wir vermutlich besonders träge. Wir wollen unsere Ziele selbst setzen. Gott darf uns gerne Kraft, Gesundheit und Gelingen schenken. Aber bei der Verwendung dieser Geschenke möchten wir uns nicht hineinreden lassen.
Und weil das auf Dauer schlechte Folgen hat, sind wir Meister darin, uns die Wirklichkeit schönzureden.
„Ich ging am Acker des Faulen vorüber“, heißt es im Buch der Sprüche, „und siehe, lauter Disteln waren darauf.“
Der moderne Besitzer dieses Ackers würde vermutlich begeistert erklären: „Disteln sind gerade total angesagt! Nachhaltig, widerstandsfähig, insektenfreundlich. Dieses wilde Naturkonzept war von Anfang an so geplant.“
Man kann fast alles zur persönlichen Erfolgsgeschichte umdeuten.
Dazu passt ein weiterer Satz aus den Sprüchen: „Ein Fauler hält sich für weiser als sieben, die verständige Antworten geben.“ Das macht die Sache schwierig. Wer sich für ausgesprochen klug hält, wird selten darüber nachdenken, ob sein prächtiges Distelfeld vielleicht doch das Ergebnis von Vernachlässigung ist.
Der Weg aus dieser besonderen Form der Faulheit ist anstrengend. Wir müssten innehalten, uns Gott zuwenden und fragen: „Was soll ich mit meinem Garten machen? Worin liegen meine wirklichen Aufgaben? Wo lohnt sich mein Einsatz?“
Wer sich auf diesen Weg macht, muss seinen inneren Schweinehund überwinden. Aber er gewinnt etwas Entscheidendes: Klarheit.
Und vielleicht schaut er eines Tages kopfschüttelnd zurück und sagt: „Was war ich damals so beschäftigt! Heute weiß ich endlich, wofür ich meine Kräfte einsetzen will.“




