Bad Marienberger Kirchenvorstand fasst weitreichenden Beschluss
Es war ein besonders trauriger und schwerer Moment in der Geschichte des Kirchenvorstands der evangelischen Kirchengemeinde Bad Marienberg. Am 8. Januar beschloss das Gremium nach langen Beratungen, zwei unserer vier Kirchen zu verkaufen. Mit diesem Beschluss endet ja nicht nur ein Verwaltungsprozess, sondern für viele Menschen auch ein Stück vertraute Heimat. Die Kirchengebäude in Fehl-Ritzhausen und Hof sollen einen neuen Eigentümer finden – eine Entscheidung, die rational notwendig, emotional jedoch kaum zu ertragen war.
Dass dieser Schritt irgendwann kommen würde, war vielen schon seit Jahren bewusst. In beiden Orten ist die Zahl der regelmäßigen Kirchenbesucher deutlich zurückgegangen. Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren immer mehr Menschen in der Gesamtgemeinde Bad Marienberg aus der Kirche ausgetreten sind. Das ist zunächst kein abstraktes Zahlenproblem, sondern vor allem ein Problem für die Gemeinschaft. Jeder einzelne Mensch, der die Kirche verlässt, hinterlässt eine Lücke. Denn Kirche ist mehr als ein Gebäude oder eine Institution – sie lebt von den Menschen, die sich gemeinsam unter Gottes Wort versammeln und die Barmherzigkeit Gottes in die Welt tragen. Wenn diese Gemeinschaft kleiner wird, wird sie auch verletzlicher.
Die zunehmenden Kirchenaustritte und die damit verbundenen finanziellen Einschränkungen sind ein deutschlandweites Phänomen. Doch wenn die Konsequenzen vor Ort gezogen werden müssen, verlieren diese Entwicklungen ihre Abstraktheit. Dann geht es nicht mehr um Haushaltspläne und Statistiken, sondern ganz konkret um Menschen, um Familien, um Ehrenamtliche – und um Erinnerungen. Um das Gefühl von Zugehörigkeit, das über Generationen gewachsen ist. Um Kirchenräume, in denen gebetet, gelacht, geweint und gehofft wurde.
Deshalb waren viele Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher den Tränen nahe, als die Abstimmung abgeschlossen war und das Ergebnis zu Protokoll genommen wurde. In der Stille des Raumes lag die Gewissheit: „Jetzt ist es endgültig, jetzt führt kein Weg mehr an dieser bitteren Entscheidung vorbei.“ Es war spürbar, dass hier niemand leichtfertig handelte. Pfarrerin Lara Schütz lud in diesem Moment zu einem Gebet ein. Die Köpfe senkten sich, einige Augen schlossen sich, andere blickten ins Leere. In diesem Gebet lag nicht nur die Bitte um Kraft, sondern auch das stille Eingeständnis, dass diese Entscheidung schwer war – vielleicht schwerer, als Worte es ausdrücken können.
Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg war bereits die Sitzung der Dekanatssynode im November 2025. Damals wurden die Gebäudepläne der Nachbarschaftsräume beschlossen. Jeder Nachbarschaftsraum erhielt eine bestimmte Fläche pro Gemeindeglied, an der sich die zukünftige Nutzung orientieren muss. Diese Vorgaben waren verbindlich und ließen wenig Spielraum. Unser Nachbarschaftsraum im Norden des Westerwalds stand vor der Herausforderung, die Bedürfnisse der drei Gemeinden Bad Marienberg, Kirburg und Unnau miteinander zu vereinbaren. Dabei ging es nicht nur um Kirchengebäude, sondern auch um Gemeindehäuser, Büros und Begegnungsräume. Ein Vermittlungsausschuss hatte im Oktober 2025 schließlich einen tragfähigen Plan erarbeitet und dem Dekanatssynodalvorstand vorgelegt.
Das Jahr 2026 wird nun den praktischen Schritten gewidmet sein. Der Gebäude- und Grundstückswert der beiden Kirchen wird jeweils auf etwa 300.000 Euro geschätzt. Nun gilt es, alle relevanten Informationen zusammenzutragen und in einem Verkaufsprospekt zu bündeln. Erst wenn dieser vorliegt, kann die Kirchenverwaltung in Darmstadt eine öffentliche Ausschreibung genehmigen. Dann werden die Gebäude auf den üblichen Plattformen zum Verkauf angeboten – ein weiterer Schritt, der den Abschied unumkehrbar macht.
Ab dem 1. Januar 2027 erhält die Kirchengemeinde für Hof und Fehl-Ritzhausen keine Zuschüsse mehr für den Gebäudeunterhalt. Über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg wurde dieser durch Mittel der Landeskirche unterstützt. Diese Hilfe fällt nun weg. Die Anpassung des Gebäudebedarfs innerhalb der Landeskirche macht eine weitere Förderung unmöglich. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die finanziellen Lasten allein nicht mehr zu tragen wären.
Doch es geht um weit mehr als um Umwidmung oder Verkauf von Immobilien. Kirchen sind Orte der Erinnerung. In ihnen wurden Kinder getauft, Jugendliche konfirmiert, Paare getraut und Verstorbene verabschiedet. Viele Menschen verbinden mit diesen Räumen prägende Momente ihres Lebens. Gottesdienste, Adventssingen, Gemeindefeste und stille Gebete haben sich tief in die Herzen eingegraben. Der Abschied von diesen Orten fühlt sich für viele an wie der Abschied von einem vertrauten Begleiter. Das Jahr 2026 wird deshalb auch ein Jahr des Abschieds sein – und vielleicht kann es helfen, diesen Abschied gemeinsam zu gestalten und im Gespräch zu bleiben.
Besonders schmerzlich ist die offene Frage nach der Zukunft der Jugendarbeit in Hof. In den Gemeinderäumen treffen sich derzeit Woche für Woche über 50 junge Menschen im Rahmen der Arbeit des CVJM. Diese Arbeit ist lebendig, prägend und für viele Jugendliche ein wichtiger Anker. Im Sommer wird der CVJM ein besonderes Jubiläum feiern. Niemand möchte, dass dieses Fest zugleich das Ende der bisherigen Arbeit markiert. Bezirksausschuss, Kirchenvorstand und Mitarbeitende hoffen sehr, dass sich eine tragfähige Lösung findet. Auch das ist eine große und dringende Aufgabe für dieses Jahr – denn gerade die jungen Menschen brauchen Orte, an denen sie Gemeinschaft, Glauben und Vertrauen erfahren können.
Der Verkauf der beiden Kirchen ist deshalb mehr als eine strukturelle Entscheidung. Er ist ein schmerzlicher Einschnitt, der uns alle betrifft. Und doch bleibt die Hoffnung, dass Gemeinschaft nicht an Mauern gebunden ist – und dass Gottes Nähe auch neue Wege findet.
Karl Jacobi


