Völlerei hält uns scheinbar angenehm im Griff
„Ich will alles. Sofort. Und am liebsten immer mehr!“ Wenn ein Wunsch aufkommt, soll er möglichst augenblicklich erfüllt werden. Ich will pappsatt sein: von gutem Essen, aufregenden Erlebnissen, Lust, Nähe und Sex. Hauptsache, es fühlt sich gut an. Hauptsache, es hört nicht auf.
So könnte ein Mensch sprechen, der sich der Völlerei verschrieben hat. Dabei geht es längst nicht nur um einen übervollen Teller oder ein Glas zu viel. Völlerei beginnt dort, wo das Verlangen die Führung übernimmt und aus einem schönen Genuss ein unstillbarer Anspruch wird.
Bei einem Säugling ist das unmittelbare Bedürfnis völlig natürlich. Wenn er Hunger hat, braucht er Nahrung. Wenn er Angst hat, braucht er Nähe. Sein Mund ist ein wichtiges Tor zur Welt: saugen, schlucken, satt werden, geborgen einschlafen. Ein Baby kann seine Bedürfnisse noch nicht aufschieben. Es ist auf Menschen angewiesen, die zuverlässig für es sorgen.
Doch mit dem Älterwerden lernen wir etwas Entscheidendes: Ich muss nicht jeden Wunsch sofort erfüllen. Ich kann warten. Ich kann unterscheiden zwischen dem, was ich gerne hätte, und dem, was ich wirklich brauche. Ich kann sogar verzichten, ohne dass mir etwas Wesentliches fehlt. Diese Freiheit gehört zum Erwachsenwerden.
Sie macht auch Beziehungen möglich. Wer einen anderen Menschen liebt, fragt nicht nur: „Was bekomme ich?“ Sondern auch: „Was brauchst du?“ Mein Partner, meine Partnerin ist kein Mittel zur Befriedigung meiner Wünsche. Wir begegnen einander als Menschen mit eigener Würde, eigenen Grenzen und eigenen Sehnsüchten. Liebe wächst, wenn wir geben und empfangen, statt immer nur zu fordern.
Unsere Gesellschaft macht es uns nicht leicht. Das Smartphone verspricht jederzeit Unterhaltung. Werbung weckt Bedürfnisse, von denen wir gestern noch nichts wussten. Essen wird rund um die Uhr angeboten, erotische Bilder sind mit wenigen Klicks erreichbar. Nicht jeder Genuss ist deshalb schlecht. Aber die ständige Verfügbarkeit verführt uns zu der Vorstellung, wir hätten ein Recht auf alles – und zwar sofort.
Schon Kinder und Jugendliche wachsen mit diesem Versprechen auf. Übermäßige Bildschirmzeit, problematischer Pornografiekonsum und ungesunde Ernährungsgewohnheiten können ihrer Entwicklung schaden. Dabei wäre es falsch, allein ihnen die Verantwortung zuzuschieben. Erwachsene leben ihnen vor, was zählt. Wenn wir ständig konsumieren, immer erreichbar sein wollen und kaum Grenzen kennen, dürfen wir uns über die Folgen nicht wundern.
Wir erleben heute viel Übermaß. Zu viel Smartphone, zu viel schlechtes Essen, zu viel schlechter Sex bestimmt schon Jugendliche. Der Anteil der Minderjährigen, die Pornos schauen, ist im Jahr 2025 bei 47 Prozent gestiegen. Zugleich wird ihre Bindungsfähigkeit schlechter, Vereinsamung droht. 470.000 junge Menschen von 5- bis 17 Jahren sind wegen Übergewicht in ärztlicher Behandlung. Schlimme Zahlen, das Elend der Betroffenen ist nichts zu ermessen.
Die christliche Tradition zählt Völlerei zu den sieben Todsünden. Das bedeutet nicht, dass gutes Essen, Sexualität oder Lebensfreude verdächtig wären. Sie sind kostbare Gaben. Zur Sünde wird der Genuss, wenn er uns beherrscht, anderen schadet und unsere Freiheit zerstört. Maßlosigkeit, Unersättlichkeit und Genusssucht machen uns nicht reicher, sondern ärmer. Wer ständig mehr verlangt, übersieht leicht das Gute, das längst vorhanden ist. Dankbarkeit schwindet. Beziehungen leiden. Aus Freude wird Abhängigkeit.
Ein altes Sprichwort sagt: Der Appetit kommt beim Essen. Doch manchmal wird daraus ein Lebensprogramm: Je mehr ich bekomme, desto mehr will ich. Das nächste Video, der nächste Kauf, der nächste Kick soll die innere Leere füllen. Aber kein äußerer Überfluss kann auf Dauer wirklich ersetzen, was uns an Nähe, Sinn und Vertrauen oft fehlt.
Wie finden wir heraus? Ein bloßer Appell, sich endlich zusammenzureißen, reicht oft nicht. Gewohnheiten können mächtig sein, manche entwickeln sich zur Sucht. Dann brauchen wir Hilfe: ein ehrliches Gespräch, Menschen, die uns begleiten, vielleicht auch ärztliche, psychologische oder therapeutische Unterstützung. Hilfe anzunehmen ist keine Niederlage, sondern ein Schritt in die Freiheit.
Der Glaube kann uns tragen. Im Gebet können wir Gott unsere Sehnsucht und unsere Ohnmacht anvertrauen. Die Worte der Bibel erinnern uns daran, dass unser Wert nicht davon abhängt, wie viel wir besitzen, erleben oder genießen. Gott ruft uns nicht in ein freudloses Leben, sondern in ein erfülltes.
Vielleicht beginnt der Weg aus der Völlerei mit einer einfachen Frage: Was ist heute genug? Wer darauf eine Antwort findet, entdeckt womöglich eine neue Freiheit: genießen zu können, ohne alles haben zu müssen.




