Sekt ist heilig – Omelette auch


Am Samstagabend beschließe ich, morgen in den Gottesdienst zu gehen.

Ich sage mir, dass mir das guttut. Es tut mir gut. Ich bin schon so lange nicht mehr dort. Seitdem ich sonntagmorgens mit der Clique zum Brunch gehe, komme ich nicht mehr in den Gottesdienst. So ist das. Das eine tritt an die Stelle des anderen, ohne dass ich es überhaupt bemerke. Erst später merke ich, dass etwas fehlt.
Jetzt gibt es die Clique nicht mehr. Die einen leben im Altersheim. Die anderen sterben. Wieder andere können das Haus nicht mehr verlassen. Was so selbstverständlich zu meinem Sonntag gehört, verschwindet. Zurück bleibt nur die Erinnerung.


Früher gehe ich gern in den Gottesdienst. Es tut mir gut. Ich komme auf andere Gedanken. Ich sitze einfach da. Niemand verlangt etwas von mir. Niemand erwartet eine Leistung. Ich höre zu, singe mit und gehe anschließend wieder nach Hause. Meistens fühle ich mich leichter als vorher.
Und Gott, denke ich, Gott hat es doch verdient, dass ich ihn dann und wann besuche.

Ich muss über diesen Gedanken lachen.
Gott besuchen.
Als wohnt Gott in einer kleinen Wohnung und wartet darauf, dass endlich jemand an seiner Tür klingelt.
Das klingt lächerlich.
Oder vielleicht klingt es nur deshalb lächerlich, weil ich längst verlerne, einfach zu denken.
Im Kindergottesdienst lerne ich, dass Gott sich freut, wenn Menschen zu ihm kommen. Damals glaube ich das ohne Zögern. Warum soll ich auch daran zweifeln? Ich bin zehn Jahre alt. Was ich damals glaube, muss heute doch nicht falsch sein, nur weil ich älter werde. Vielleicht verliere ich mit den Jahren nicht nur meine Naivität. Vielleicht verliere ich auch etwas Wahres.

Also gehe ich morgen in den Gottesdienst.
Ich lege die Kleidung bereit. Ich stelle den Wecker. Ich kontrolliere noch einmal die Uhr. Diesmal klappt alles, sage ich mir. Warum soll es nicht klappen? Vor zwanzig Jahren klappt es schließlich auch. Ich stehe auf, ziehe mich an und gehe los. Warum soll das heute anders sein?

Am Sonntagmorgen öffne ich die Augen.
Ich schaue auf die Uhr.
Halb neun.
Halb neun.
Ich höre den Wecker nicht.
Sofort gerät alles durcheinander.
Ich mag das nicht. Wenn mein Morgen durcheinandergerät, gerät mein ganzer Tag durcheinander. Gerade heute. Gerade heute, an dem ich endlich wieder in den Gottesdienst gehen will.
Jetzt muss ich mich beeilen.

Aber es ist doch Sonntag.
Warum entsteht ausgerechnet jetzt diese unheilige Hetze?
Ist es richtig, einen heiligen Gottesdienst mit unheiliger Hetze zu beginnen?
Der Gedanke gefällt mir.
Unheilige Hetze für eine heilige Stunde.
Das passt nicht zusammen.
Während ich mich anziehe, frage ich mich plötzlich, wer heute predigt.

Ach ja.
Pfarrer Schmitz.
Ich halte inne.
Pfarrer Schmitz.
Den mag ich eigentlich nicht.

Pfarrerin Meyer mag ich lieber. Sie spricht ruhig. Bei ihr fühle ich mich aufgehoben. Sie erklärt alles so, dass ich mich nie dumm fühle. Sie vermittelt mir das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Fast wie damals im Kindergarten.
Jetzt lebt sie im Ruhestand.
Jetzt predigt Pfarrer Schmitz.
Vielleicht predigt er sogar besser.
Aber ich mag seine Stimme nicht.
Und weil ich seine Stimme nicht mag, mag ich ihn nicht.
So einfach funktioniert der Mensch.

Ich frage mich:
Muss ich überhaupt hingehen?
Nein.
Ich muss gar nichts.
Ich bin erwachsen.
Niemand zwingt mich.
Warum soll ich ausgerechnet mich selbst zwingen?
Dieser Gedanke gefällt mir.

Und Gedanken, die mir gefallen, gewinnen sofort an Kraft.
Ich setze mich an den Küchentisch.
Warum Kirche?
Warum nicht etwas anderes?
Ich denke an unsere Sonntage.
An den Brunch.
An das Rührei.
An die Brötchen.
An den Aperol Spritz.
An das Lachen.
An das gemeinsame Schweigen.

Ich erinnere mich daran, wie wir manchmal zwei Stunden über völlig belanglose Dinge sprechen und am Ende das Gefühl haben, dass die Welt für einen Augenblick wieder in Ordnung ist. Keiner hält eine Predigt. Keiner liest aus einem Buch vor. Trotzdem hört jeder zu. Vielleicht besteht Gemeinschaft gerade darin, dass niemand recht haben muss. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich mich dort immer so wohlfühle.

Ist das nicht ebenfalls heilig?
Ist Gemeinschaft nicht auch Gottesdienst?
Vielleicht steht Gott gar nicht nur zwischen Kanzel und Altar.
Vielleicht sitzt er auch an einem gedeckten Tisch.
Vielleicht besteht Liturgie manchmal aus Kaffee, Omelett und Erinnerungen.
Ich beginne, mich selbst zu überzeugen.

Gott versteht das.
Wenn Gott Gott ist, versteht er das.
Und wenn er es nicht versteht, denke ich, dann ist das heute auch nicht mein Problem.
Gott wartet.
Er hat Zeit.
Er hat die Ewigkeit.
Ich habe nur diesen Sonntagmorgen.
Langsam verwandelt sich mein Entschluss in eine Rechtfertigung.
Die Rechtfertigung verwandelt sich in eine Überzeugung.
Die Überzeugung verwandelt sich in einen Plan.

Ich koche Kaffee.
Ich bereite ein Omelett zu.
Ich öffne eine Flasche Sekt.
Ich erhebe das Glas.
Auf die alte Clique.
Auf unsere Sonntage.
Auf das Leben.

Ich lehne mich zurück. Der Kaffee duftet. Das Omelett gelingt. Der Sekt prickelt. Draußen läuten die Kirchenglocken. Ich höre sie. Ich weiß genau, wann jetzt das Eingangslied beginnt und wann die Lesung kommt. Ich kenne den Ablauf noch immer. Er ist mir vertraut. Aber ich bleibe sitzen. Ich nippe an meinem Glas, schneide ein Stück Omelett ab und denke, dass jeder Mensch seinen eigenen Sonntag hat.

Ich gehe nicht in den Gottesdienst,. Das ist wirklich heilig.

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