Bei vielen Gemeinden gibt es ein paradoxes Phänomen: Obwohl sie nach außen offen sein wollen, wirken sie auf andere Menschen eher befremdlich – wie ein Ort, an dem man vieles falsch machen kann, statt willkommen zu sein. Im Interview mit katholisch.de geht der Tübinger Theologe Michael Schüßler den Gründen dafür nach und wirbt für ein neues Verständnis dafür, was Gemeinden leisten können und was nicht.
Frage: Wenn Menschen nicht an die Kirche gebunden sind und Interesse am Glauben entwickeln, wie groß ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass Sie den Weg zur Kirche über ihre Gemeinde am Ort gehen?
Schüßler: Das ist nicht einfach zu beantworten, weil sich ‚die Gemeinden‘ durch kirchliche Strukturprozesse ja selbst stark verändert haben. Traditionell sind Gemeinden eher Orte für Menschen, die sich schon mit Kirche und Glaube identifizieren.
Frage: Ein Kollege hat sich nach einem Umzug im Gottesdienst seiner neuen Gemeinde mit seiner Familie eher ignoriert als willkommen gefühlt….
Schüßler: Es gibt sicher viele engagierte Gemeindemitglieder, die sich auch für eine Willkommenskultur einsetzen – sei es im Pfarrbüro oder im Gottesdienst. Gleichzeitig zeigt sich aber, wie schwierig das in der Praxis ist, von daher ist Ihr Kollege leider kein Einzelfall. Eine Bekannte berichtete mal, dass ihre Nichte gerade den Glauben für sich entdeckt hatte – in eine Gemeinde wollte sie ihre Nichte aber lieber nicht schicken. Zu viele Menschen berichten, dass sie die Gemeinde von außen als eine Art ‚closed shop‘ erleben – einen Ort, an dem man vieles falsch machen kann. Und das paradoxerweise, obwohl die Beteiligten in den Gemeinden selbst das Bild von sich haben, offen zu sein.
Frage: Woher kommt dieser Widerspruch?
Schüßler: Ein Punkt sind soziale Faktoren: In der Gemeinde treffen sich Menschen, die sich oft schon gut und lange kennen. Daraus entsteht eine Kultur mit Gewohnheiten und Routinen – vielleicht auch unbewusst –, die von Außenstehenden nur schwer zu durchbrechen ist. Es gibt implizite Regeln und Codes in Sprache und Liturgie, die erstmal sehr fremd wirken können. Michael Ebertz nennt das ‚pastoralen Habitus‘. Ich höre immer wieder von Menschen, die beim Kontakt mit Pfarrbüros oder in Gemeindegottesdiensten das Gefühl beschleicht, dass sie da nicht hingehören. Wenn die Gemeindejugend nach ihrer Meinung gefragt werden soll, statt einer offenen Diskussion, dann aber nur ein vorgefertigtes Plakat mit ihren Ideen in die Gemeindeversammlung hängen darf, ändert sich natürlich nichts. Nicht nur Außenstehende, sondern auch Gläubige aus dem vermeintlichen ‚inner circle‘ der Kirche fühlen sich in Gemeinden zusehends verloren. Das Gefühl des ‚obdachlos Katholischen‘, das die Theologin Regina Laudage-Kleeberg in ihrem Buch beschreibt, erlebe ich in vielen Gesprächen.
Frage: Können Sie Beispiele nennen, wo es einer Gemeinde gelungen ist, aus diesem Dilemma auszubrechen?
Schüßler: Ein positives Beispiel ist die Gemeinde ‚St. Maria als…‚ in Stuttgart. Sie hat sich bewusst in den Stadtteil hinein geöffnet – ‚als‘ Ort des Glaubens, ‚als‘ Ort für Kultur, ‚als‘ sozialer Hub. Die pastoralen Mitarbeiterinnen versuchen verstärkt, sich in den Stadtteil einzubringen. So sind ganz unterschiedliche Nutzungen möglich. Ähnlich arbeitet die Citypastoral, wenn sie gezielt in öffentliche Räume geht – etwa in Einkaufszentren oder auf öffentliche Plätze. Dort geht es nicht um fertige Angebote, sondern darum, präsent zu sein und wahrzunehmen, was Menschen vor Ort brauchen. Gleichzeitig sollten Kirchengemeinden aber auch nicht mit zu großen Erwartungen überfordert werden…




