Menschenwürde schützen – Demokratie stärken
Unsere Kirchengemeinden sind Orte, an denen Menschen zusammenkommen: mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen, Meinungen, Hoffnungen und Sorgen. Gerade diese Vielfalt gehört zum Wesen evangelischer Kirche. In Gruppen und Kreisen, in Gottesdiensten, in der Seelsorge, in der Diakonie und besonders in den Kirchenvorständen wird jeden Tag eingeübt, was eine demokratische und menschenfreundliche Gesellschaft braucht: Zuhören, Mitdenken, Mitentscheiden, Verantwortung übernehmen und ein respektvoller Umgang miteinander.
Die Evangelische Kirche setzt sich deshalb klar für Menschenrechte, Menschenwürde und Demokratie ein. Dieser Einsatz ist nicht zuerst politisches Programm, sondern wächst aus dem christlichen Glauben. Jeder Mensch ist von Gott geschaffen, von Gott gewollt und besitzt eine unverlierbare Würde. Diese Würde hängt nicht ab von Herkunft, Alter, Geschlecht, Religion, Weltanschauung, sexueller Orientierung, sozialer Lage, körperlichen oder geistigen Fähigkeiten. Sie gilt jedem Menschen.
Deshalb kann Kirche nicht schweigen, wo Menschen abgewertet, ausgegrenzt oder verächtlich gemacht werden. Rassismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Sexismus, die Abwertung von Geflüchteten, armen, kranken, behinderten, wohnungslosen oder anders lebenden Menschen widersprechen dem Evangelium. Jesus hat sich besonders den Schwachen, Kranken, Ausgegrenzten und Belasteten zugewandt. Wer ihm folgt, kann sich nicht mit einer Gesellschaft abfinden, in der das Recht des Stärkeren gilt.
Demokratie bedeutet dabei nicht, dass alle immer einer Meinung sein müssen. Im Gegenteil: Eine lebendige Demokratie braucht unterschiedliche Stimmen, offene Diskussionen und auch Streit um den richtigen Weg. Auch in der Kirche wird gerungen, beraten und entschieden. Wichtig ist aber, wie dieses Ringen geschieht: sachlich, respektvoll und mit der klaren Grenze, dass die Würde eines Menschen niemals zur Verhandlungsmasse wird.
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau beschreibt Kirchengemeinden als Orte der Verständigung. Sie sollen Räume eröffnen, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen können – auch dann, wenn die gesellschaftliche Stimmung gereizt ist. Sorgen und Kritik dürfen ausgesprochen werden. Zugleich müssen menschenverachtende, extremistische oder demokratiefeindliche Positionen klar benannt und zurückgewiesen werden.
Gerade in einer Zeit, in der Misstrauen gegenüber demokratischen Strukturen wächst, braucht es solche Orte. Gemeinden können Brücken bauen. Sie können zuhören, ohne gleichgültig zu werden. Sie können offen bleiben, ohne beliebig zu sein. Sie können einladend sein und zugleich deutlich sagen: Menschenwürde, Respekt, Freiheit, Vielfalt und Verantwortung gehören untrennbar zu unserem Glauben.
Dieses Engagement zeigt sich nicht nur in großen Worten. Es zeigt sich im Alltag: wenn Menschen einander helfen, wenn Geflüchtete Unterstützung finden, wenn Kranke und Sterbende begleitet werden, wenn Kinder und Jugendliche lernen, Verantwortung zu übernehmen, wenn Ehrenamtliche Zeit schenken, wenn Gemeinden für Frieden, Verständigung und Zusammenhalt eintreten.
Kirche ist damit Teil der demokratischen Zivilgesellschaft. Sie sucht „der Stadt Bestes“ und bringt sich ein für ein gutes Zusammenleben im Dorf, in der Stadt und in unserem Land. Sie erinnert daran, dass Freiheit ohne Verantwortung leer wird und dass Zusammenhalt dort wächst, wo Menschen einander achten.
Die EKHN hat deshalb auch für kirchliche Leitungsämter klare Maßstäbe formuliert. Wer Verantwortung in einem Kirchenvorstand übernimmt, soll für christliche Grundwerte, Menschenwürde, Respekt und Vielfalt einstehen. Extremistische, antisemitische, rassistische oder sonst menschenverachtende Haltungen haben in kirchlicher Leitung keinen Platz.
Denn Kirchenvorstände prägen das Gesicht der Gemeinde. Sie entscheiden mit über Gottesdienste, Gebäude, Finanzen, Personal, diakonische Projekte, Öffentlichkeitsarbeit und das Zusammenleben vor Ort. Darum ist es wichtig, dass Menschen Verantwortung übernehmen, die aus dem Geist des Evangeliums handeln: offen, mutig, menschenfreundlich und demokratisch.

