Wenn es in uns brodelt
„Ich war richtig sauer.“ Kennst du das?
Ein übersehener Fehler im Newsletter – obwohl du extra noch einmal alles geprüft hast. Ein genervter Kollege. Und plötzlich bist du wütend. Auf ihn. Auf dich. Blöder Fehler.
Oder morgens im Kindergarten: Das Schild mit „Magen-Darm“, „Scharlach“, „Läuse“. Drinnen hustet ein Kind verdächtig. Du siehst schon vor dir, wie dein eigenes Kind krank wird, du im Job ausfällst und das geplante Wochenende platzt. Du merkst, wie es in dir hochkocht: Warum können andere nicht mitdenken?
Unser Alltag zwischen 20 und 40 ist oft eng getaktet. Job, Partnerschaft, Kinder, Freundschaften, Erwartungen – alles gleichzeitig. Wenn dann etwas schiefgeht, fühlt es sich schnell so an, als würde gar nichts funktionieren. Und der Zorn sucht sich seinen Weg.
In der Bibel heißt es:
„Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr.“
(3. Mose 19,18)
Ganz ehrlich? Das klingt erst einmal ziemlich hochgegriffen. Keinen Zorn bewahren? Den Nächsten lieben wie sich selbst? Wenn ich ehrlich bin, bewahre ich meinen Zorn manchmal tagelang. Ich führe innere Diskussionen, halte Plädoyers, sammle Beweise. In meinem inneren Gerichtssaal habe ich natürlich recht. Der andere ist schuld.
Doch während ich innerlich gewinne, verliere ich etwas anderes: Frieden. Der Dialog in meinem Kopf ist anklagend – nicht klärend. Er löst nichts. Er macht mich hart. Und oft bin ich nicht einmal freundlich zu mir selbst.
Vielleicht liegt genau hier das Problem: nicht in der Wut selbst, sondern darin, dass ich in ihr stehen bleibe. Dass ich sie pflege wie etwas Wertvolles. Dass ich sie festhalte, statt sie weiterzuführen.
Die Paartherapeuten John und Julie Gottman schreiben, dass Wut in Beziehungen nicht das Schlechteste sei. Schlimmer sei Gleichgültigkeit. In der Wut stecke oft ein Wunsch nach Verbindung. Sie zeige, dass uns etwas wichtig ist. Dass wir gesehen werden wollen. Dass wir hoffen, dass Beziehung gelingt.
Vielleicht ist meine Wut also mehr als bloßer Ärger. Vielleicht steckt dahinter meine Sehnsucht, meine Aufgaben gut zu machen. Meine Angst zu scheitern. Mein Wunsch, ernst genommen zu werden.
Mein Kollege und ich wollen beide, dass der Newsletter gut ist. Wir sind eigentlich ein gutes Team. Der Fehler war ärgerlich – aber kein Weltuntergang.
Und vielleicht sind auch die Krankheiten im Kindergarten nicht nur Störungen, sondern kleine Stoppschilder: Hier stößt du an deine Grenze. Hier kannst du nicht alles kontrollieren. Hier darfst du milder werden – mit dir selbst und mit anderen.
Wenn Wut etwas mit Beziehung zu tun hat, dann ist sie eine Einladung: Geh nicht ins innere Tribunal. Geh ins Gespräch. Sag: „Es tut mir leid.“ Oder: „Das hat mich wirklich geärgert.“ Und höre zu.
Zorn muss nicht zerstören. Er kann ein Signal sein, dass uns etwas wichtig ist. Entscheidend ist, ob wir ihn als Waffe benutzen – oder als Brücke.
Vielleicht beginnt das „Du sollst deinen Nächsten lieben“ genau hier: nicht darin, keine Wut zu fühlen. Sondern darin, sie in Verbindung zu verwandeln.
Clara Carlotta Jacobi




